Deutsche Bahn: Das Märchen von Eis und Schnee

Die Deutsche Bahn nennt ihr angebliches Premium-Produkt ICE. Doch sobald etwas Eis und Schnee in Deutschland auftreten, versagen vor allem diese Fernverkehrszüge immer wieder. Jüngst war das wieder am vergangenen Wochenende zu erleben, als der Winter die DB zu großen Teilen lahmlegte. Ich war mittendrin. Statt einfach nur über die Bahn zu meckern, möchte ich anhand der Erfahrungen der letzten Tage zeigen, was und wie alles besser laufen könnte.

Deutsche Bahn mit ICE im Schnee
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Winter ist keine ausreichende Erklärung

Egal wo man in den vergangenen Tagen an den deutschen Bahnhöfen auf die Anzeigetafel oder Bahn-App blickte, war überall in roter Schrift „Schnee und Eis“ zu lesen. Das ist ja auch eine schöne pauschale Ausrede. Doch sie ist keine ausreichende Erklärung für ein solches Chaos. Dass Züge auch dann fahren können, wenn das Wetter mal winterlich wird, sieht man schließlich in anderen Ländern. Die Probleme haben weniger mit den Begleiterscheinungen zu tun, sondern mit mangelhafter Vorbereitung, unzureichender Ausstattung, falschen Prioritäten, geschönten Statistiken und katastrophaler Kommunikation. Ich zeige es anhand meiner eigenen Erlebnisse.

Schlecht vorbereitet und kommuniziert

Meine Reise, die die Grundlage für diesen Beitrag bildet, begann zum Glück erst am Samstag. Sonst hätte sie vielleicht gar nicht stattgefunden. Denn als der Schneesturm Elli am Freitag in Deutschland ankam, reagierte die Deutsche Bahn damit, den Fernverkehr einfach komplett einzustellen. Hier sehen wir das erste Problem: Bei der DB redet man zu wenig übers Wetter und sie ist nicht richtig vorbereitet. Länder in Skandinavien, den Alpen oder Osteuropa sehen etwas Schnee nicht als überraschende Katastrophe, sondern als Normalfall. In Deutschland konnte man hingegen sehen, dass RE-Züge mit den wohl etwas robusteren Loks früher und problemloser wieder fahren konnten als die modernen, empfindlichen Schönwetter-ICEs.

Am Vorabend der ICE-Fahrt von Köln nach Berlin war dann das erste Mal Umplanen erforderlich. Denn ab Samstagmorgen sollten die Züge zwar wieder fahren, aber nicht ab Köln, sondern erst aus dem Ruhrgebiet. Bei den Suchergebnissen im DB Navigator wirkte es fast willkürlich, welche Züge fahren oder abgesagt werden. Also mit Regionalverbindungen erstmal bis Essen durchkämpfen. Warum die Züge nicht ab Köln losfahren durften, obwohl die Auswirkungen des Wetters hauptsächlich Nord- und nicht Westdeutschland betrafen, bleibt ein Geheimnis der DB. Eine Begründung wurde nicht mitgeteilt. Die mangelhafte Kommunikation wurde später noch mehrmals zum Problem.

Plötzlich in Bielefeld gestrandet

Als ich mit meinen Mitreisenden also in Essen in den ICE nach Berlin stieg, schien ein erster wichtiger Schritt geschafft. Wir hatten einen einsatzbereiten Zug erreicht. Wir waren jedoch nicht darauf gefasst, was uns wenig später geschah. Als der ICE auf Bielefeld zurollte, sorgte der Blick auf die Anzeigetafel oder DB-App für Verwirrung. Bei allen geplanten Zwischenstopps bis Berlin wurde plötzlich „Halt entfällt“ eingeblendet.

Erst im letzten Moment kam dann die Durchsage, dass die Zugfahrt in der ostwestfälischen Provinz statt in der Hauptstadt endet. Ach ja, mindestens die nächsten vier, fünf Stunden nichts mehr nach Berlin geht. Neben großem Ärger gab es für die Passagiere wieder viele Fragezeichen. Wenn alle wissen, dass die größten Schneemassen rund um Hannover sind, und die Bahn damit nicht klarkommt, warum ist der ICE dann überhaupt losgefahren?

Wir mussten jedenfalls wie alle anderen gestrandeten Passagiere improvisieren. Eine Weiterfahrt mit mehreren REs hintereinander wäre nicht sinnvoll machbar gewesen, Mietwagen o.ä. zu kompliziert und teuer. Für einen Lichtblick sorgte immerhin die Mitarbeiterin im DB-Reisezentrum am Bielefelder Bahnhof, die erklärte, dass das Ticket der abgebrochenen Fahrt auch am nächsten Tag noch gültig sei. Dass die Zugbindung in den Chaos-Tagen aufgehoben war, ermöglichte wenigstens etwas Flexibilität.

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Zu früh gefreut, bevor es noch schlimmer wurde

War es ein Zufall, dass ausgerechnet in der Stadt der Verschwörung das nächste Kapitel von Hoffen und Bangen begann? Beim Abendessen in Bielefeld kamen jedenfalls die nächsten schlechten Nachrichten aufs Handy. Für die geplante Weiterfahrt nach der Übernachtung in Ostwestfalen wurden die möglichen Verbindungen reduziert. Wieder diese Halt-enfällt-Einblendungen, wieder diese willkürlich wirkende Anzeige, dass von den beiden ICE um kurz vor/nach 8.30 Uhr einer fährt und der andere nicht.

Beim Aufstehen am Sonntag dann immerhin die erfreuliche Erkenntnis, dass dieser eine ICE, der die letzte Hoffnung für eine Ankunft in Berlin war, auf dem Weg nach Bielefeld war. Dort konnten wir auch einsteigen. Als der Zug dann Hannover, den großen Krisenherd des Wochenendes, hinter sich gelassen hatte, fühlte ich zunächst große Erleichterung. Jetzt sollte der Rest der Fahrt kein Problem mehr sein. Ankunft in Berlin gegen 11.30 Uhr, rechtzeitig zum Mittagessen und den anschließend für Sonntagnachmittag geplanten Aktivitäten. Da ahnte ich ja noch nicht, dass uns der schlimmste Teil der Hinfahrt noch bevorstand.

Deutsche Bahn mit falschen Prioritäten …

Ich hätte nie gedacht, dass ich mal so viel Zeit in der Nähe der 20.000-Einwohner-Stadt Gardelegen verbringen würde. Denn dort spielte sich irgendwo im Nirgendwo zwischen Wolfsburg und Spandau der für die Deutsche Bahn peinlichste und für die Reisenden ärgerlichste Teil des Horrortrips ab. Der ICE stand und stand und stand. Irgendwann gab es dann die Information, dass auf der Strecke vor uns ein defekter Güterzug liegengeblieben sei.

Die Verspätung wurde immer größer, dann halt noch eine Stunde und noch eine. Statt eines Notfall-Plans gab es allgemeine Ratlosigkeit. Vernünftige Kommunikation wurde durch den peinlichen Hinweis auf ein kostenloses Fläschchen Wasser ersetzt. Gefühlt einen halben Tag später wurde uns das erzählt, dass eine Lok aus Spandau komme, um den Güterzug endlich abzuschleppen, was halt nochmal einige Zeit dauern würde.

Hier offenbarten sich weitere Probleme. Personen- und Güterverkehr müssen sich das ohnehin überlastete und technisch veraltete Schienennetz teilen. Außerdem drängt sich zumindest der Verdacht auf, dass die Deutsche Bahn lieber ihre menschlichen Passagiere vergrault als die regelmäßig zahlenden Kunden aus der Industrie.

… und langsamem Denken

Ebenso schlimm: Offensichtlich funktioniert das Suchen nach alternativen Lösungen bei manchen Entscheidungsträgern so langsam wie manche Zugfahrt. Denn dann gab es nach ewigem Warten plötzlich eine andere Idee. Man könnte ja den ICE ein paar Meter bis zur nächsten Weiche zurücksetzen und dann auf dem Gegengleis an dem defekten Güterzug vorbeifahren. Das wurde tatsächlich getan und brachte uns endlich weiter. Aber genau diese Entscheidung hätten die Verantwortlichen auch mindestens zwei Stunden früher umsetzen können. Dann wären wir wenigstens so zwischen 13.00 und 14.00 Uhr statt erst um 15.30 Uhr in Berlin angekommen.

Weichen, Heizung und Digitalisierung

Meine kleine Reisegruppe kam also rund 24 Stunden später als ursprünglich geplant in Berlin an. Doch damit endeten die Frusterlebnisse der letzten Tage mit der Deutschen Bahn noch nicht. Schließlich mussten wir am Montag noch zurück nach Köln. Auch diese Rückfahrt verlief alles andere als glatt.

Wir waren noch nicht allzu lang unterwegs, als der ICE mal wieder im Nirgendwo stehen blieb. Ein Blick auf Google Maps zeigte. Wir standen erneut in der Nähe von Gardelegen. Zufall? Begründung für den Zwischenstopp war diesmal eine nicht funktionierende Weiche. Techniker müssten kommen. Ein junger Mann neben mir fragte zynisch, ob nicht einfach jemand mit einem Hammer rausgehen und die Weiche verschieben könnte. Das funktioniert natürlich nicht (mehr), weil die ganze Technik digital gesteuert wird. Tja, Digitalisierung und Deutschland, dieses andere Endlos-Thema.

Die Deutsche Bahn verweist selbst darauf, dass sie rund 48.000 Weichen beheizt, um einen Ausfall zu verhindern. Doch das sind mit ca. 70% der Weichen längst nicht alle Abzweigungen und die Technik scheint nicht winterfest genug zu sein.

Wirre Zeitangaben, erneuter Abbruch

Apropos Digitalisierung. Da wird man auch beim Blick in die DB-App verrückt. Auf der Rückfahrt wurde trotz mittlerweile wieder 2,5 Stunden Verspätung und einer voraussichtlichen Ankunftszeit in Köln, die nicht vor 18.00 Uhr sein konnte, angezeigt, um 15.30 Uhr in den Zug nach Düren umzusteigen. Wenn normale Reisen unmöglich werden, empfiehlt die Deutsche Bahn halt Zeitreisen. Senk ju vor träwelling.

Doch dann wurde das Umsteigen in Köln vom ICE in den RE ganz unmöglich gemacht. Denn kurzfristig entschied sich die Deutsche Bahn, auch diese ICE-Fahrt vorzeitig abzubrechen. Auf „Gestrandet in Berlin“ folgte „Gestrandet in Wuppertal“. Aus einer RE-Fahrt Köln – Düren wurde so zwei Regionalfahrten Wuppertal – Köln und Köln – Düren.

Die geschönte Statistik

Entlarvend war dabei die (wieder mal viel zu späte) Durchsage des Zugbegleiters. Er sprach davon, dass nicht die Mitarbeiter im Zug, sondern eine übergeordnete Instanz den Abbruch entschieden habe. Es schien also offensichtlich nicht darum zu gehen, ob der ICE die restlichen Minuten bis Köln schafft (zumal er in Wuppertal erstmal zehn Minuten das Gleis blockierte, auf dem auch die REs nach Köln fuhren).

Es ging wohl eher um die ohnehin nicht glaubwürdige Statistik zur Pünktlichkeit der Deutschen Bahn. Da wirkt sich ein ICE, der gar nicht, also ohne Verspätung, in Köln ist, positiver aus als ein ICE mit über 2,5 Stunden Verspätung. Schließlich werden ausgefallene Züge nicht mitgezählt, um die Zahlen zu beschönigen. Besser wäre ohnehin ein System, das als fahrgastzentrierte Pünktlichkeit beschrieben wird. Dabei geht es nicht darum, mit wie viel Verspätung ein Zug unterwegs sind, sondern um die Frage, wann die Passagiere inklusive ausgefallener Züge und verpasster Anschlüsse wirklich an ihrem Zielort ankommen.

Viel zu tun

Fazit nach drei Tagen Bahn-Horror: Es bleibt noch sehr viel zu tun, bis die Deutsche Bahn zu einem halbwegs zuverlässigen Verkehrsmittel wird. Evelyn Palla, übernehmen Sie!