Wenn Querdenker groß denken, entsteht Fortschritt

Querdenker sind häufig unbeliebt, weil sie bisherige Ansichten über die Welt infrage stellen und uns mit unbekannten, neuen Dingen konfrontieren. Vor allem in konservativen Kreisen werden Querdenker oft als Querulanten wahrgenommen. Doch ohne Menschen, die groß denken, Zusammenhänge sehen, in die Zukunft blicken und mutig Neues wagen, gab und gibt es keinen Fortschritt. Das möchte ich anhand einiger aktueller Beispiele zeigen, die aus völlig unterschiedlichen Bereichen kommen.

Die Welt mit offenen Augen zu betrachten, ist eine wichtige Eigenschaft, die Querdenker auszeichnet.

Beispiel Konjunkturpaket

Soeben hat die deutsche Bundesregierung ein sogenanntes Konjunkturpaket beschlossen. Es enthält auf den ersten Blick viele Maßnahmen als Reaktion auf die Corona-Krise. Doch bei genauerem Hinsehen ist es ein konservatives Dokument. Geld wird verteilt, um verschiedene Branchen zu retten. Aber jede konkrete Vision für die Zukunft fehlt.

Dabei haben wir in den letzten Wochen z.B. bei Videokonferenzen und Homeoffice gelernt, was in Sachen Digitalisierung möglich ist und auch schnell umgesetzt werden kann. Mit sogenannten Pop-up-Radwegen hat sich gerade angedeutet, wie eine Verkehrswende funktionieren könnte. Aber die Regierung diskutiert nur darüber, in welchem Umfang noch mehr Geld in die rückständige deutsche Autoindustrie gepumpt wird. Die Mehrwertsteuer wird für ein paar Monate leicht gesenkt, ohne festzulegen, wie viel davon bei den Kunden ankommt. Aber das seit Jahrzehnten vorhandene Chaos aus normalem und ermäßigtem Steuersatz bleibt bestehen. Bei anderen Themen, gerade bei Digitalisierung und Technik, gibt es viele vage Aussagen mit Sollen und Wollen, die weit weg auf 2025 oder 2030 geschoben werden.

Beispiel Rassismus

Am vorgestrigen Dienstag waren große Teile von Instagram schwarz. Viele Prominente, Vereine, Organisationen und Einzelpersonen setzten ein schwarzes Quadrat als Bild auf ihr Profil. Zusammen mit ein paar Hashtags glaubten sie, damit angesichts der Unruhen in den USA nach der Tötung von Georg Floyd etwas gegen Rassismus zu tun.

Artikel 1 des Grundgesetzes
Foto: Dontworry, Landgericht-frankfurt-2010-ffm-081, CC BY-SA 3.0

Doch ein 24-stündiger Internet-Hype ändert nichts an einem grundsätzlichen, strukturellen Problem, das tief in den Gesellschaften der USA, aber auch anderer Länder steckt. Wer wirklich etwas gegen Rassismus tun will, muss sich nicht hinter schwarzen Pixeln verstecken, sondern auf konkrete Probleme hinweisen und über die Ursachen und Zusammenhänge der Ausgrenzung informieren. Wer auf ein friedliches Zusammenleben unabhängig von Hautfarbe, Religion oder anderen Unterschieden Wert legt, sollte einfach Artikel 1 des Grundgesetzes und ähnliche Regeln zu Menschenwürde und Gleichberechtigung beachten. Um die uralten, aber bis heute gepflegten Vorurteile loszuwerden, müssen wir die vorhandenen Strukturen ändern und anders denken.

Beispiel Modernisierung der Kirche

Die katholische Kirche gilt als besonders konservativ und weltfremd, was vor allem auf höchster Ebene im Vatikan durchaus zutrifft. Ein kleines, aber positives Beispiel für neues Denken konnte ich zuletzt aber in meiner Heimatpfarre St. Lukas in Düren beobachten. Dort gibt es neuerdings einen Youtube-Kanal. Innerhalb von einigen Wochen hat sich dort ein für die Pfarre neues Medium etabliert, weil ein paar Menschen es angesichts der Einschränkungen in der Corona-Krise einfach mal probiert haben. Sie haben passend zum Motto des sogenannten Innovationsprozesses Neues gewagt.

Beispiel Beachvolleyball

Die Corona-Krise traf auch die Sportwelt hart. Zuschauer waren bei Wettbewerben nicht mehr zulässig und durch die Abstandsregeln konnten viele Sportarten nicht mehr betrieben werden. Beachvolleyball fiel nach ersten Erkenntnissen in diesem Jahr fast komplett aus: deutsche Serie und World Tour abgesagt, Olympische Spiele auf nächstes Jahr verschoben.

Doch der schon lange als Querdenker bekannte Alexander Walkenhorst und seine Mitstreiter von ONUSB verfielen nicht in Depressionen. Sie nutzten vielmehr wie ein guter Angreifer am Netz die vorhandene Lücke. Aus einer spontanen Idee entwickelten sie das neue, innovative Format der Beach-Liga, die nächste Woche beginnt. Damit erzeugten sie nicht nur einen Wettbewerb für die Sportler, sondern auch Aufmerksamkeit für die Sportart, die es so schon vor dem Start des neuen Formats in Medien wie den Spiegel schaffte. Passend zum Motto #growingthegame.

Querdenker in der Geschichte und heute

Alexander von Humboldt als Entdecker mitten in der Natur
Porträt des Malers Friedrich Georg Weitsch

Viele Beispiele für erfolgreiche Querdenker finden wir auch in der historischen Betrachtung. Galileo Galilei widersetzte sich dem alten Weltbild der Kirche und rückte die Sonne in den Mittelpunkt des Sonnensystems. Charles Darwin setzte sich mit der Erkenntnis durch, dass der Mensch nicht von Gott erschaffen wurde, sondern aus der Evolution hervorging. Alexander von Humboldt reiste einige Jahre durch den amerikanischen Kontinent und erkannte anhand der vielen gesammelten Informationen viele neue Zusammenhänge. (Wissenschaftlichen) Fortschritt gab und gibt es immer nur, wenn Menschen neue Ideen entwickeln und die bisherige Welt infrage stellen.

Die aktuelle Corona-Krise erzeugt nicht nur Probleme. In vielen Fällen deckt sie auch nur längst vorhandene Schwächen auf. Sie bietet eine Plattform, eine Chance für Veränderungen. Aber wir brauchen eben die Querdenker und die am Fortschritt interessierten Menschen, um diese Chancen zu nutzen und tatsächlich etwas zu bewirken.